Pforzheim is calling

„/The town is fearfully smashed, rather like a bad dream./

/Well: They asked for it and they got it.?/“

der Britische Soldat Jonny über Dresden in Arno Schmidts ?Leviathan?

*Pforzheim is calling! *

Im Rahmen der militärischen Bekämpfung Nazi-Deutschlands kam es am 23. Februar 1945 zur großflächigen Bombardierung Pforzheims. Aus diesem Anlass findet seit Jahren immer am 23. Februar ein Nazi-Gedenken statt, woran seit 1994 regelmäßig 100 bis 200 Neonazis teilnehmen. Unter den Teilnehmer_innen finden sich wichtige Nazi-Kader aus Baden-Württemberg, genauso wie der braune Nachwuchs. Jahr für Jahr versammeln sich die Neonazis von der Polizei von Gegenprotesten abgeschirmt und zelebrieren so ein gemeinschaftlich und verbindendes Erlebnis.

Motiviert von den erfolgreichen Blockaden und Protesten in Dresden, die drei Jahre in Folge den Nazi-Großaufmarsch verhinderten, wollen sich Antifaschist_innen dieses Jahr im größeren Umfang nach Pforzheim aufmachen. Ziel ist es auch diesem Nazi-Gedenken endlich ein Ende zu bereiten.

Doch auch das bürgerliche Gedenken an die Bombardierung soll nicht aus der Kritik genommen werden.

*Eine Nation von Opfern?*

„/Das sind die Städte, wo wir einst / den Weltzerst￶örern unser Heil entgegenr￶öhrten / und diese Städte sind auch nur ein Teil / von allen Städten, welche wir zerst￶rten./“

Bertold Brecht

Das Nazi-Gedenken in Pforzheim steht nicht gänzlich für sich allein. Die Nazi-Gedenkmärsche sind vor einigen Jahren offenkundig erst in Reaktion auf Entwicklungen in der Gesellschaft groß geworden.

Seit der Vereinigung von BRD und DDR im Jahr 1990 ist ein neuer deutscher Nationalismus entstanden. Dazu geh￶rt, dass sich seit einigen Jahren in der Bundesrepublik ein ￶ffentlicher Diskurs über die „Deutschen als Opfer“ etabliert hat. Damit verknüpft, hat sich ein neues deutsches Nationalbewusstsein, eine Art „Leidkultur“ etabliert. Das Kollektiv der Deutschen versucht sich offenbar in einer Opfer-Identität (Opfer der Nazis, der Herrschenden, der Alliierten etc.) seine neue nationale Identität zu schaffen. De facto ist das eine Täter-Opfer-Umkehrung. Aus den Alliierten, die Europa befreiten, werden Täter_innen gemacht und die mehrheitlich nazistisch eingestellte Bev￶lkerung wird zum Opfer umkonstruiert.

Daneben kommt es häufig auch zu einer künstlichen Trennung zwischen Bev￶lökerung und „Nazis“ („Hitlerclique“). Dabei war der Nationalsozialismus in Deutschland spätestens ab 1935 keine Gewaltdiktatur einer Minderheit über die Mehrheit, sondern eine Zustimmungsdiktatur. In Nazi-Deutschland war zu dieser Zeit eine Trennung zwischen Deutschen und Nazis bzw. Zivilbev￶ölkerung und Front nicht mö￶glich, im totalen Krieg wurde auch die so genannte „Heimatfront“ mit eingebunden.

Gern vergessen wird, dass den Bombardierungen gegen Deutschland z.B. die Bombardierungen von Guernica (Spanien), Rotterdam (Niederlande), Coventry (Großbritannien) oder die Belagerung und Bombardierung von Leningrad/St. Petersburg (UdSSR) mit 2.800.000 Opfern durch Nazi-Deutschland voraus gingen. Allein beim Überfall auf Polen wurden über 1.000 polnische Städte bombardiert.

Ebenfalls muss daran erinnert werden, dass viele Deutsche als Nazis fanatisch bis zum Schluss kämpften und die Vernichtungsmaschinerie der Nazis bis zuletzt lief. Auch gegen Kriegsende forderte sie noch viele Tote. Die so genannten Endphasenverbrechen, die dabei die meisten Opfer forderten, waren die Mordaktionen an Häftlingen auf den Todesmärschen aus den geräumten Konzentrationslagern 1944 und1945.

Auch das bombardierte Pforzheim war keine unschuldige Stadt. Im Jahr 1933 wählten über 50% der Pforzheimer_innen die NSDAP. Im Laufe der Jahre nach 1933 entwickelte sich Pforzheim zu einem wichtigen Rüstungsstandort. Damit war Pforzheim ein legitimes Kriegsziel im Rahmen des Kampfes gegen Nazi-Deutschland.

*Auf nach Pforzheim!*

Das Gedenken in Pforzheim – sowohl das bürgerliche als auch das der Nazis – bieten Anlass zur grundlegender Kritik, deswegen sollten beide im Fokus stehen. Die Nazis müssen erfolgreich blockiert und die trauernden Bürger_innen für ihre reaktionären Inhalte kritisiert werden.

Mobilisierungsvorträge

am 6. Februar 19 Uhr in Tübingen im Epplehaus und

am 8. Februar 19 Uhr in Reutlingen in der Zelle.

Am 23. Februar auf nach Pforzheim