Archiv für März 2014

[S] Schon wieder homophobe Demo

Am Samstag, den 05.04.2014, werden sich bereits zum dritten Mal „Besorgte Eltern“ in Stuttgart versammeln.

Unter dem Motto „Elternrecht wahren! – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder per Bildungsplan“ wollen sie ab 15 Uhr eine Kundgebung mit anschließender Demonstration auf dem Marktplatz abhalten.
Veranstalter*in der Aktion ist das „Aktionsbündnis Elternrecht wahren “, wobei die Organisation wie schon beim letzten Mal hauptsächlich von der „Initiative Schützt unsere Kinder“ und neuerdings noch von der Afd-nahen(1) „Initiative Familienschutz“ übernommen wird.

Neuer Bildungsplan für Baden-Württemberg

Die Demonstration richtet sich gegen die Bildungsplanreform der rot-grünen Landesregierung für 2015, da diese die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Leitbild einführen will.
So sollen sich die Schüler*innen laut dieser Reform beispielsweise „mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Orientierung auseinander “(2) setzen, neben der traditionellen Familie auch andere Konzepte wie Patchworkfamilien, Wahlfamilien und „die verschiedenen Formen des
Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen “(2) kennen lernen und die Darstellung von Geschlechterrollen reflektieren. (LSBTTI steht übrigens für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender und intersexuell)

Ob die Landesregierung diese Reform nur aufgesetzt hat, um Wähler*innenstimmen zu sammeln, oder ob sie es ernst mit diesem Thema meint, können wir natürlich nicht wissen.
Für uns ist jedenfalls klar, dass es nicht genügen kann, wenn Kinder sich nur in der Schule mit Geschlechterrollen und dem eigenen Verhalten auseinander setzen. Um einen wirklichen Umgang mit diesem Thema zu erreichen, ist eine größere gesellschaftliche Veränderung nötig als eine Bildungsplanreform.
Trotzdem fänden wir es natürlich gut, wenn in der Schule endlich nicht mehr so getan würde, als wäre alles, was von Heterosexualität und der traditionellen Familie abweicht, nicht normal.
So lange wir jedoch im Patriarchat leben, wird es keine ernst zu nehmenden Veränderungen geben!

Kritik am Bildungsplan

Gerade in konservativen, fundamentalistischen und sonst homophoben Kreisen regt sich Kritik am Bildungsplan. Sie fürchten eine „Frühsexuallisierung“(3) ihrer Kinder. Wo diese jedoch im neuen Bildungsplan verankert sein soll, können wir nicht erkennen. Dass Jugendliche ihre Geschlechterrollen und Heteronormativität hinterfragen sollen, hat für uns nichts mit „Sexuallisierung“ zu tun!
Die „Besorgten Eltern“ empfinden es als „Zwangsindoktrination ihrer Kinder“, wenn ihnen nicht mehr beigebracht werden soll, dass es nur Männer, Frauen und Heterosexualität geben soll.
Es scheint als hätten sie Angst davor, dass ihre Kinder homosexuell werden könnten. Aber warum!?
Uns kotzt es an, dass wir größtenteils zu heterosexuellen Männern und Frauen erzogen wurden und dazu nicht einmal Alternativen genannt wurden!

Schützt unsere Kinder!?

Für die Gegner*innen des Bildungsplans scheint es unvorstellbar, dass die traditionelle Familie nicht mehr als die einzig wahre Möglichkeit von Zusammenleben gepredigt werden soll.
Die „Initiative Familienschutz“ will sich für die „Stärkung der Familie in Deutschland einsetzen“ und hofft, dass „wieder mehr Kinder in familiärer Geborgenheit aufwachsen können“.(4)
Natürlich braucht jeder Mensch Geborgenheit und Bezugspersonen und Kinder insbesondere. Wir denken jedoch, dass das außerhalb der traditionellen Familie genauso gut funktionieren kann. Außerdem vergessen die selbsternannten Kinderschützer*innen, dass die traditionelle Familie für viele alles andere als Geborgenheit bedeutet. Gerade Kinder sind neben Frauen sehr oft von innerfamiliärer Gewalt betroffen. Laut einer Kriminalstatistik aus dem Jahr 2011, kam es Deutschland weit zu „12.444 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern“. „Bei nur 6 % aller „Nichttötungsfälle“ handelt es sich [bei dem Täter] um einen Fremden“, und „Es handelt sich hierbei in der Regel um Familienmitglieder, Hausmitbewohner, Nachbarn, Freunde der Eltern oder Autoritätspersonen wie z. B. Lehrer oder Pfarrer.“(5) Laut einer Studie aus dem Jahr 2004 gaben 69% aller Frauen, die in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen waren, als Tatort die eigene Wohnung an.(6) Also doch nicht die volle Geborgenheit!

Was Kinderschutz mit Homo – und Transphobie zu tun haben soll, können wir auch in keinster Weiße verstehen.
So antwortete die „Initiative Schützt unsere Kinder“ auf die Fragen, ob sie homophob und intolerant sein damit, dass sie nichts gegen Homosexuelle hätten, „Aber sie sollen ihre Ausrichtung anderen nicht als etwas Normales oder gar nicht zu Kritisierendes vorsetzen.“(7)
Es ist jedoch homophob, Homosexualität als nicht normal zu bezeichnen!
Des weiteren verlinkte die Initiative einen Artikel, in welchem es als „absurde Forderung“ bezeichnet wird „das Ehegesetz homosexuellen Paaren zu öffnen“.(8)

Demo für Alle

Die „Initiative Schützt unsere Kinder“ bezeichnet ihre Demo als eine „Demo für alle“.
In der Erklärung dazu heißt es: „Alle normalen Familien, alle Befürworter der Selbstverständlichkeit der traditionellen Familie, wie sie seit tausenden von Jahren selbst in den verschiedensten Kulturen gelebt wird, müssen sich hierfür zusammenschließen. Religiöse, konfessionelle und nationale Konflikte müssen hintanstehen.“(9)
Aufgefordert werden „Anhänger aller Religionen, Konfessionen, politischen Einstellungen und Wertesysteme, soweit sie die Gender-Mainstreaming-Ideologie ablehnen und die Zerstörung der Familie aufhalten.“(9)
Was das mit einer „Demo für alle“ zu tun hat ist uns ein Rätsel! Denn alle Menschen, die nicht in das Bild der traditionellen Familie passen, die Geschlechterrollen hinterfragen und nicht heterosexuell sind werden ausgeschlossen!

Für eine Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Homo – und Transphobie

Wenn Eltern Angst haben, ihre Kinder könnten homosexuell werden, wenn sich fundamentalistische Christ*innen, NPD, PI-News und AfD zusammenschließen, wenn Homosexualität zur Sünde erklärt wird(10), dann wollen wir nicht tatenlos zusehen! Wir werden wieder nach Stuttgart fahren!
Aufgrund der Erfahrungen vom letzten Mal(11), wäre es jedoch sinnvoll mit dem Auto zu fahren.
Alle, denen das nicht möglich ist, laden wir dazu ein mit uns gemeinsam mit dem Zug anzureisen.

Zugtreffpunkte
Tübingen Hbf | 13:20 Uhr
Reutlingen Hbf | 13:30 Uhr

Feinde der Liebe müssen endlich mal klar kommen!

*[ART]* – Antifa Reutlingen Tübingen

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(1) http://www.queer.de/detail.php?article_id=21249
(2) http://www.kultusportal-bw.de/site/pbs-bw/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/Bildungsplanreform/Arbeitspapier_Leitprinzipien.pdf
(3) zukunft-familie.org/ueber-uns/
(4) familien-schutz.de/eine-seite/
(5) http://www.missbrauch-opferratgeber.de/zahlen-und-fakten.html
(6) https://www.frauen-gegen-gewalt.de/tl_files/downloads/sonstiges/Streitsache_Sexualdelikte_Zahlen_und_Fakten_b.pdf
(7) http://zukunft-familie.org/fragen-an-uns/
(8) http://kultur-und-medien-online.blogspot.de/2014/03/manuela-schwesig-wettert-gegen-gegner.html
(9) http://zukunft-familie.org/demo-fuer-alle/
(10) http://www.queer.de/publisher/pics/Stgt-Demo-Akzeptanz-a-470.jpg
(11) http://www.tueinfo.org/cms/node/21789

Schon wieder homophobe Demo in Stuttgart

Am Samstag, den 05.04., werden sich zum dritten Mal „Besorgte Eltern“ in Stuttgart versammeln.

Unter dem Motto „Elternrecht wahren! – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder per Bildungsplan“ wollen sie ab 15 Uhr eine Kundgebung mit anschließender Demonstration auf dem Marktplatz abhalten, organisiert von der „Initiative Familienschutz“.
Quelle: http://www.familien-schutz.de/elternrecht-wahren-demo-fur-alle-samstag-5-april-2015-15-uhr-in-stuttgart/

Für uns bedeutet das natürlich, dass wir wieder mit möglichst vielen Menschen nach Stuttgart fahren werden um den homophoben Mob zu stören.
Aufruf und Zugtreffpunkte kommen noch.

*[ART]* – Antifa Reutlingen Tübingen

Zum Tod von Kahve Pouryazdani

Vor einem Monat, am 20. Februar 2014, wählte der Tübinger Exil-Iraner Kahve Pouryazdani (49) für sich den Freitod. Er übergoss sich hinter der Stiftskirche mit Benzin, zündete sich an und verstarb an den Verletzungen.
Wir, die Antifa Reutlingen-Tübingen, sind überzeugt: Wer sich aus welchen Gründen auch immer auf diese Weise umbringt, will etwas damit sagen. Wenn der Polizeisprecher verkündet, auf einen politischen Hintergrund deute derzeit nichts hin, dann glauben wir ihm nicht.
Auch nur zu sagen, Kaveh habe Depressionen gehabt, dringt nicht zum Kern des Problems vor. Depressionen haben zumeist Ursachen und Auslöser.

Wir sind davon überzeugt, dass Kavehs Selbstmord auch mit seinem Status als Flüchtling zu tun hatte. Am Tag seines Todes schrieb er im Internet auf Facebook, der Tod sei für ihn besser, als so zu leben.
Auch in der Presse wiedergegebene Kommentare seiner Freund*innen und seines Anwalts bestätigen uns in dieser Annahme. Kavehs Anwalt Manfred Weidmann berichtete, dass sein Mandant am Ende seiner Kräfte gewesen sei: „Obwohl er perfekt Deutsch sprach, blieben ihm alle Türen verschlossen.“ Und er führte weiter aus: „Wir haben in Deutschland ein System, an dem ein Flüchtling zerbrechen kann.“
Als Kaveh vor ein paar Monaten nach zehn Jahren des Wartens eine Arbeitserlaubnis und Schutz vor Abschiebung erhielt, war das offenbar zu spät für ihn. Bis dahin hatte Kaveh noch alle drei Monate zum Amt gehen müssen, um seine Aufenthaltserlaubnis verlängern zu lassen. Jedes Mal drohte bei einer Nichtverlängerung die Abschiebung. Lange Zeit durfte er wegen seines Status den Landkreis Tübingen nicht verlassen und er durfte nicht arbeiten. Beinahe ein Jahrzehnt lang musste er so in Untätigkeit und Unsicherheit verharren. Diese Verhältnisse waren es, die ihn in den Tod trieben.

Der von Kahve gewählte Todesort liegt hinter der Stiftskirche. Vor der Kirche hatte er jahrelang immer wieder seinen Infostand aufgebaut, um die Verhältnisse im Iran anzuprangern. Denn Kaveh war ein Menschenrechtsaktivist, der vor zehn Jahren aus dem islamischen Gottesstaat Iran hierher geflohen war. Zurücklassen musste er seine Familie, darunter eine Tochter.
Er sympathisierte mit der grünen Revolutionsbewegung, die sich gegen den Gottesstaat richtete. Die Theokratie im Iran schlug diese oppositionelle Bewegung auch mit Hilfe von Technik aus der säkularen Bundesrepublik nieder. Deutsche ‚Wertarbeit‘ half bei der Verfolgung iranischer Oppositioneller.
Das sich in seiner alten Heimat nichts änderte, die Folter und die Morde ließ ihn genauso verzweifeln, wie seine Situation in seiner neue Heimat.

Wir könnten an dieser Stelle sagen, wir verstehen Kahve. Doch das wäre eine Lüge. Wir sind keine Geflüchteten. Nur die Geflüchteten hier wissen genau, was es bedeutet als Geflüchtete*r in Deutschland zu leben.
Es verläuft ein Graben zwischen den Menschen in der Bundesrepublik. Auf der einen Seite sind die Menschen mit einem deutschen Pass und auf der anderen Seite die Menschen ohne. Bertolt Brecht schrieb in seinem Text „Flüchtlingsgespräche“ im Jahr 1940, als er selber ein Geflüchteter war: „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“
Es gibt diesen Graben nicht, weil Geflüchtete anders sind, sondern weil sie anders behandelt werden. Anders behandelt von Teilen der Bevölkerung und von dem unbarmherzigen System, was wir unter dem Namen ‚Staat‘ kennen. Wer letztes Jahr die sich zuspitzenden, rassistischen Bewegungen gegen die Unterbringung von Geflüchteten in allen Ecken Deutschlands mitverfolgt hat, die/der weiß wie diese vielerorts angefeindet werden. Diese Feindschaft gegenüber Geflüchteten hat sich schon vor Jahren in Deutschland auch in eine Sondergesetzgebung gegen jene übersetzt. Geflüchtete werden vom Staat benachteiligt, ihnen werden nicht die Rechte einer Bürgerin / eines Bürger zugestanden. Durch die massive Benachteiligung und Diskriminierung von Geflüchteten wird ihnen ihre Würde geraubt.
Mit gutem Willen allein wird sich der Graben zwischen Geflüchteten und Nicht-Geflüchteten nicht zuschütten lassen. Auch mit Mitleid lässt sich dieser tiefe Graben nicht überbrücken. Nur wenn das Grenz-Regime abgeschafft wird und die Festung Europa geschleift, wird der Graben verschwinden. Das kann aber nur durch eine Unterstützung und Solidarisierung mit den Geflüchteten und ihren Kämpfen geschehen.
Dabei sollten wir aber nicht vergessen auch einmal bei uns selbst zu schauen. Wir sollten uns als Nicht-Geflüchtete eingestehen, dass wir häufig unsere Privilegien ohne großes Nachdenken für selbstverständlich nahmen und kaum darüber nachdachten, was ihr Nichtbesitz für eine*n Geflüchtete*n bedeutet.

Wir wollen an dieser Stelle auch noch einmal daran erinnern, dass schon einmal ein iranischer Geflüchteter in Tübingen gestorben ist: Kiomars Javadi (20). Er wurde am 19. August 1987 von 18 Menschen ermordet, davon sahen 15 untätig zu, wie Kiomars von drei Supermarktangestellten festgehalten und zu Tode gewürgt wurde.
Die Fälle mögen unterschiedlich sein, doch bei beiden spielte die Ungleichbehandlung und -bewertung von Geflüchteten eine entscheidende Rolle.

Wir wünschen uns, dass aus Kavehs Tod etwas folgt, wissen aber zugleich, dass dieser Wunsch vermutlich unerfüllt bleiben wird. So bleiben wir traurig, wütend, ohnmächtig und ratlos darüber, was zu tun ist.

*[ART]* – Antifa Reutlingen-Tübingen

Für eine radikale Polizeikritik!

Gegen die Polizeischikanen im Zusammenhang mit der Zelle!

Was sich die Polizei gegenüber der Zelle und deren Publikum leistet macht uns wütend und traurig. Personen während Kontrollen gegen deren Willen in den Schritt zu fassen, diese sich im Streifenwagen entkleiden zu lassen und anderes sind Formen sexualisierter Gewalt. Menschen wegen ihrer Hautfarbe „verdachtsunabhängigen Personenkontrollen“ zu unterziehen ist die rassistische Praxis des „racial profiling“. Beides und weitere Sauereien immer wieder und immer vehementer im direkten Umfeld der Zelle zu veranstalten und dabei gezielt Personen zu schikanieren, die als vermeintliche Zellebesucher*innen oder -mitarbeiter*innen identifiziert werden, ist ein Angriff auf die Zelle. Und ein Angriff auf alle Besucher*innen, Mitarbeiter*innen, Freund*innen und solidarische Menschen.

Das alles ist ein Unding, zurecht wehrt sich die Zelle dagegen und fordert in einer Petition an den Landtag, die Polizei in die Schranken zu weisen. Zurecht wird eine Kritik am Vorgehen der Polizei und deren Maßnahmen formuliert.

Siehe dazu auch:

http://kulturschock-zelle.de/category/news/

https://www.openpetition.de/petition/online/stoppt-die-unverhaeltnismaes…

Wir solidarisieren uns mit der Zelle und den betroffenen Personen. Sie haben unter dem Vorgehen zu leiden und ihnen gehört unsere Unterstützung. Wir unterstützen die Forderungen der Zelle, die an den Landtag gestellt werden. Die Zelle ist ein wichtiger Raum für emanzipatorische und antifaschistische Politik und Kultur und muss als solcher erhalten bleiben.

Wir wollen über die Kritik der Zelle hinaus eine grundsätzlichere Kritik auf verschiedenen Ebenen formulieren.

Die aktuellen Schikanen reihen sich in eine lange Liste von Angriffen ein. Die Polizei versucht, mal mehr, mal weniger erfolgreich, der Zelle die Veranstaltungen durch Kontrollen und Nervereien aller Art zu vermiesen. Besucher*innen sollen abgeschreckt werden, ein möglichst negatives Bild soll in der Öffentlichkeit herrschen. Nicht zuletzt sollen die Zelleaktiven vor weiterer Mitarbeit abgeschreckt werden.

In die selbe Kerbe schlägt das Ordnungsamt, wenn es der Zelle unterstellt ein gewinnorientiertes Unternehmen zu sein. Ebenso wie das Ansehen als selbstverwalteter Kultur- und Politikraum soll die Anerkennung der Zelle als gemeinnütziger Träger untergraben werden.

Durch eine Nennung im Bericht des baden-württembergischen Inlands-Geheimdienstes soll die Zelle in Misskredit gebracht werden.

Das Ziel dieser Schikanen ist die Zelle auf lange Sicht als selbstverwaltetes Zentrum und politischen Raum zu zerstören.

Diese Vorgehensweisen treffen nicht nur die Zelle. Auch andere selbstverwaltete und emanzipatorische Räume werden auf diese und andere Weisen angegriffen. In Baden-Württemberg wie auch bundesweit werden solche Räume immer wieder bedroht. Ein bundesweit bekannteres Beispiel ist die aktuelle Auseinandersetzung um die Rote Flora in Hamburg.

Wir können festhalten: Die aktuellen Zumutungen sind ein Teil fortwährender Angriffe auf verschiedenen Ebenen gegen die Zelle und andere autonome Räume.

Diese Angriffe gehen von Polizei, Ämtern und Behörden auf Kreis-, Landes- und Bundesebene aus.

Polizei, Behörden und Verwaltung verdienen nicht nur Kritik, wenn sie „unsere“ Räume oder Projekte angreifen. Als derjenige Teil der staatlichen Sicherheitsarchitektur dem das Gewaltmonopol zugesprochen wurde, ist die Polizei in ihrem Kern und aus ihrem Wesen heraus gewalttätig. Diejenigen Teile der Behörden und Verwaltungen die selbst keinen unmittelbaren physischen Zwang, also körperliche Gewalt, ausüben, sind ebenso wichtige Teile der Sicherheitsstruktur des kapitalistischen Staates und stützen diesen.

Täglich sind Menschen, die als nicht-deutsch bzw. nicht-weiß markiert werden, aufgrund dessen rassistischen Praxen wie Fahrkarten-, Taschen-, Gesichts- oder Personenkontrollen ausgesetzt. Menschen, die nicht den richtigen Fetzen Plastik a.k.a. Ausweis besitzen, werden in Lagern zwangsuntergebracht, dürfen nicht arbeiten, erhalten Sachleistungen, also Essenspakete und Kleidersets und werden in überwiegender Mehrzahl abgeschoben.

Auch die tägliche Lohnarbeit wird genauso wenig hinterfragt wie die Autorität von Uniformen und die Legitimität von Gerichten. Wer ein einigermaßen würdevolles Leben führen will muss einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit für einen anderen Menschen opfern und ein Lohnarbeitsverhältnis eingehen. Während der Arbeitszeit muss die betroffene Person Weisungen der*des Arbeitgeber*in befolgen, sonst ist das Arbeitsverhältnis schnell wieder futsch. Man hat das Gefühl nur zu existieren um durch die eigene Arbeitskraft möglichst effizient etwas zu schaffen, was dann wieder verwertet wird um somit Profit zu erreichen, von dem der*die Arbeiter*in jedoch in den seltensten Fällen etwas hat. Und einen Großteil der sogenannten Freizeit bringen wir dafür auf, am nächsten Tag wieder fit für den Job zu sein. Auch ohne zusätzliche Schikanen ziemlich unschön.

Das Eigentum ist in den deutschen Gesetzen ein überaus hoch geschütztes Gut, ein Großteil der Strafgesetze bezieht sich auf Eigentumsdelikte. Wer keine Lust hat sein*ihr täglich Brot mit Lohnarbeit zu ergattern wird früher oder später abgestempelt oder/und kriminalisiert. Sexarbeiter*innen, Schwarzarbeiter*innen, Dieb*innen, Fälscher*innen oder auch nur die alltäglichen Schwarzfahrer*innen bekommen die Gewalt des Staates zu spüren. Entweder durch empfindliche Einschnitte im ohnehin schon knappen Budget, im schlimmsten Fall durch Freiheitsentzug, sowieso aber durch nervenaufreibende Streitereien mit Ladendetektiv*innen, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Wer die Legitimität solcher staatlicher Autoritäten anzweifelt bekommt noch mehr Zwangsmittel aufgebrummt. Wer also versucht sich der Gewalt eines Lohnarbeitsverhältnisses zu entziehen wird mit noch mehr Gewalt konfrontiert.

Gesetze gelten mehr und sind wichtiger als Menschenleben. Im Zweifelsfall können diese auch sehr flexibel ausgelegt werden. Ob durch eine Kugel, durch die Vergabe von Brechmitteln, durch ersticken während des Abschiebefluges oder durch das Verbrennen mit gefesselten Händen in einer Polizeizelle, Arten zu Tode zu kommen gibt es, in Obhut der Polizei oder auch nur im Kontakt mit dieser, viele. In Erinnerung gerufen sei an dieser Stelle der bislang ungeklärte Feuertod Oury Jallohs in einer Polizeizelle in Dessau, ein neues Gutachten kommt zu dem Schluss dass dieser, entgegen der offiziellen Version, nicht selbst das Feuer hatte legen können. Manchmal folgt ein medialer Aufschrei, oftmals nicht. Und das sind nur die Fälle, bei denen eine rechtmäßige Umsetzung der polizeilichen Befugnisse zweifelhaft ist. Zweifelsfrei rechtmäßig, auf dem Boden der geltenden Gesetze, handeln die deutsche Bundespolizei oder die europäische Abschiebebehörde FRONTEX wenn sie Menschen im Meer ertrinken lassen, deren Boote aufreiben, um keine illegalisierten Geflüchteten auf europäischen Boden gelangen zu lassen oder die Bootsbesatzungen auf kleinsten Inseln aussetzen, ohne Trinken, ohne Nahrung, ohne eine Möglichkeit Hilfe zu fordern.

Diese ganze Scheiße wird von der Polizei abgesichert. Wer schon einmal an einer Demonstration, einem Protest, einem Streik oder einer direkten Aktion teilgenommen hat, weiß für und gegen was die Polizei eingesetzt wird.

Die Polizei ist das Rückgrat einer menschenverachtenden Sicherheitsarchitektur. Eine Architektur, die vor allem die Absicherung der Herrschaft und der herrschenden Zustände zum Ziel hat, sowie die Aufrechterhaltung eines auf Warenproduktion und Maximalprofit ausgelegten ökonomischen Systems der Wertverwertung. Alle menschlichen Bedürfnisse, Regungen, Handlungen und Aktivitäten sind diesen Zielen, Absicherung des Status Quo und Produktion von Mehrwert, unterzuordnen. Wenn es sein muss gekauft mit Menschenleben. Das ist die Aufgabe der Polizei.

Aus dieser Perspektive heraus kritisieren wir die Polizei. Nicht weil einzelne Beamt*innen mal über die Stränge schlagen oder einzelne Aktionen als unverhältnismäßig wahrgenommen werden. Sondern weil die Polizei ein menschenverachtendes System, einen menschenverachtenden Staat schützt und absichert.

Dass die Polizei in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht weg zu denken ist, ist uns klar. Vielmehr ist sie zwingend nötig, da eine Gesellschaft wie die heutige, welche auf Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung aufgebaut ist, gar nicht auskommen würde, ohne eine Organisation die Unruhen niederschlägt, Menschen verfolgt, welche sich nicht angemessen in den Alltag eingliedern oder auf Grund ihrer Herkunft nicht hier sein dürfen. So eine Gesellschaft braucht eine Polizei, die die Gesetze, kostet es was es wolle, durchsetzt, sich dabei jedoch selbst oft nicht an diese hält. Wir hingegen streben eine Gesellschaft an, die möglichst frei von Diskriminierung, der Abhängigkeit von Geld und Herkunft ist. So eine befreite Gesellschaft, eine Assoziation freier Individuen braucht keine Polizei, vielmehr: die Polizei und alle verwandten Institutionen sind die größte Bedrohung der menschlichen Gesellschaft.

POLIZEI RADIKAL KRITISIEREN!

Für eine Gesellschaft jenseits von Diskriminierung und Gewalt.

*[ART]* – Antifa Reutlingen-Tübingen