Redebeitrag zur Nachttanzdemo „Lieber tanz‘ ich als G20!“ in Tübingen

Zu aller erst möchten wir die Frage stellen: In was für einer Welt leben wir?

Dabei ist uns klar, dass es auf diese Frage keine allumfassende und einheitliche Antwort geben kann. Es gibt unterschiedliche Regionen mit unterschiedlichen Facetten: Es gibt eine Vielzahl an kleinen Welten.
Aber fast allen diesen Welten ist eine bestimmte Art und Weise des Wirtschaftens und der Produktion gemeinsam. Der Kapitalismus ist das vorherrschende Wirtschaftssystem dieser Zeit.

Aber was bedeutet Kapitalismus (denn nun) eigentlich?
Im Kapitalismus gibt es Menschen, die gezwungen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Entweder um das einfache Überleben sichern zu können, also sich mit Nahrung, Trinken, Kleidern und einem Schlafplatz zu versorgen. Oder, wenn diese Grundbedürfnisse gestillt sind, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Denn für fast alles, was man unternehmen kann, benötigt man Geld.
Auf der anderen Seite, gibt es Menschen die über Kapital verfügen. Bei Kapital handelt es sich nicht einfach um Geld, mit welchem wir gewöhnlich im Supermarkt bezahlen oder welches wir für eine Eintrittskarte im Kino eintauschen. Kapital ist Geld welches investiert wird, um anschließend eine größere Menge an Geld zurück zu erhalten. Das Geld soll sich also vermehren.

Doch wie vollzieht sich diese Vermehrung von Geld?
Es gibt Rohstoffe. Diesen wird ein bestimmter Preis zugeschrieben. Werden diese zu einem Produkt verarbeitet, so kann dieses Produkt für mehr Geld verkauft werden, als für die Rohstoffe gezahlt wurde. Für die Herstellung dieses Produktes wird die Arbeitskraft und Arbeitszeit eines Menschen benötigt. Er stellt dadurch den Mehrwert her. Geldvermehrung, also Profit, kann allerdings nur stattfinden, wenn der arbeitende Mensch als Lohn nicht die volle Differenz zwischen dem Wert des Rohstoffes und dem Wert des fertigen Produktes erhält. Vielmehr muss ihm etwas weniger ausbezahlt werden. So erhält der Mensch, welcher Kapital in Rohstoffe investiert hat, am Ende durch den Verkauf des Produktes mehr Geld als zuvor.
An dieser Stelle wird sichtbar, dass das kapitalistische System von Grund auf, auf einem Ausbeutungsverhältnis beruht. Der seine Arbeitskraft verkaufende Mensch erhält nicht im vollen Umfang das Geld, das seine Arbeitskraft wert ist.

Und welche Rolle spielt dabei die Konkurrenz?
Innerhalb des Kapitalismus stehen die unterschiedlichen Unternehmen, egal ob große Fabriken oder kleine Restaurants, in Konkurrenz zueinander. Das heißt sie stehen immer unter dem Druck, dass jemand anderes das selbe Produkt oder die selbe Dienstleistung kostengünstiger anbietet und sie dadurch Kunden verlieren. An diesem Punkt beginnt die sich immer höher schraubende Spirale der Ausbeutung. Je weniger Lohn man bezahlt oder je mehr Umweltbestimmungen man umgeht, desto besser kann man die Konkurrenz ausbooten und desto mehr Profit kann erzielt werden.

Und hier sind wir an einer Schlüsselstelle des Kapitalismus: Das Ziel der Geldvermehrung, das Ziel der Profitmaximierung, steht über allem und führt zwangsläufig zu Ausbeutung, Armut, Umweltverschmutzung und anderen Krisen. Das Märchen „jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt“ geht nicht auf. Im Kapitalismus gibt es aufgrund der ungleichen Verteilung tatsächlich nicht genug für jede und jeden. Kapitalismus funktioniert nur, wenn es Leute gibt die ausbeuten und Leute die sich ausbeuten lassen müssen.

Und genau deshalb sind wir heute hier!
Wir sind heute hier um gegen das G20 Treffen in Hamburg zu protestieren. Denn bei diesem Treffen geht es um die Aufrechterhaltung und Stabilisierung dieser Ungerechtigkeit und Leid produzierenden kapitalistischen Verhältnisse.
Und dagegen wollen wir uns auflehnen! Wir wollen Widerstand leisten. Widerstand gegen die Erzählung, dass die jetzigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen alternativlos wären. Das sind sie nämlich nicht! Die Welt in der wir momentan leben ist von uns Menschen über Jahrhunderte hinweg erschaffen worden…und deshalb ist sie auch immer veränderbar.
Aber um wirklich etwas verändern zu können, müssen wir anfangen zu träumen. Wir müssen anfangen uns aus unseren bisherigen Denkmustern zu lösen und über den gewohnten Tellerrand hinweg blicken. Das kann im Kleinen passieren, im Freundeskreis, in der Uni oder bei der Arbeit. Oder auch bei Versammlungen wie dieser hier heute. Wichtig ist, dass wir es gemeinsam tun und uns nicht in der Vereinzelung des Alltags verlieren.

Wir kämpfen für eine völlige Umwälzung der jetzigen Verhältnisse! Aber nicht, um einfach alles zu zerstören. Sondern um mit einem freien Blick, gemeinsam, eine andere Form der Gesellschaft auf zu bauen. Eine Gesellschaft, in der wir solidarisch miteinander leben und arbeiten. Eine Gesellschaft, in der der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht. Eine Gesellschaft in der wir aufeinander Rücksicht nehmen und uns gegenseitig unterstützen. Eine Gesellschaft, in welcher wir auf eine Art und Weise produzieren, dass alle Menschen das erhalten, was sie für ein gutes Leben brauchen!

Antrieb für diesen Kampf ist unsere Wut! Die Wut die wir empfinden, wenn wir in der Zeitung mal wieder über die Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt lesen. Aber auch die Wut, die wir verspüren, wenn wir Freunde sehen, die an dem Konkurrenzkampf und dem Arbeitsdruck zerbrechen. Die Wut, die wir nur all zu oft in unserem Inneren verschließen, um weiter machen zu können und im Alltag nicht zu verzweifeln.

Und die Proteste gegen den G20 Gipfel bieten Raum, um dieser Wut neues Leben zu geben und zu zeigen, dass es Menschen gibt, die mit dem Jetzt und Hier nicht einverstanden sind. Und das wollen wir gemeinsam tun. Mit euch, mit Menschen aus anderen Ländern, mit Studierenden, mit Arbeiter_innen…mit einfach jedem und jeder, der ebenfalls seinen Widerspruch äußern will. Denn Solidarität ist das Andere was Kraft geben und stark machen kann. Wirkliche Solidarität heißt auch für Anliegen zu kämpfen, die einen nicht unmittelbar selbst betreffen. Solidarität kann zwischen sich fremden Menschen genauso wie zwischen Freunden stattfinden. Solidarität heißt sich umeinander zu kümmern, sich aufzufangen und für einander einzustehen.

Also lasst uns heute, jetzt und hier beginnen!
Lasst uns unseren Protest auf die Straße tragen … lautstark, wütend und solidarisch!

Gegen die kapitalistischen Verhältnisse und gegen das G20 Treffen, das genau diese Verhältnisse erhalten will!

Für eine solidarische und gerechte Gesellschaft!

*[ART]* Antifa Reutlingen Tübingen