Gründungserklärung der ART (Antifa Reutlingen-Tübingen)

Hallo Welt, wir sind da. In Reutlingen-Tübingen gibt es wieder eine Antifa. Vor einigen Monaten haben wir uns gegründet und sind mit unserer provisorischen Website und unserer Solidaritätskundgebung für die emanzipatorische Opposition im Iran anlässlich des Weltfrauentags auch schon öffentlich in Erscheinung getreten. Deshalb wollen wir nun öffentlich machen, wer wir sind und warum es uns eigentlich gibt.

Wir sind Menschen aus der Region Reutlingen-Tübingen, die sich als AntifaschistInnen verstehen und mit den Zuständen in der Region, in Deutschland und in der Welt nicht nur unzufrieden sind, sondern diese auch verändern wollen. Die Meisten von uns waren schon vorher antifaschistisch aktiv, teilweise in früheren Antifagruppen in Tübingen und Reutlingen, aber auch anderweitig. Aufgrund der Situation vor Ort hielten wir es jedoch für wichtig, wieder eine kontinuierlich arbeitende, organisierte, handlungsfähige Antifagruppe aufzubauen.

Damit sind wir auch schon beim Warum. Die Region Reutlingen-Tübingen war noch nie ein weißer Fleck auf der braunen Landkarte. Verschiedene Ereignisse in letzter Zeit beweisen, dass antifaschistische Organisation und Selbsthilfe hier nach wie vor notwendig sind. Immer wieder sind die Städte voll mit Naziklebern, mehrfach wurden nicht-rechte Jugendliche von Neonazis angegriffen und es kam sogar zu einem Überfall von jungen Neonazis auf das soziokulturelle Zentrum Franz K in Reutlingen, der allerdings rasch abgewehrt wurde. Ebenfalls ist in jüngerer Zeit ein sogenannter „Stützpunkt“ Reutlingen- Esslingen der NPD- Jugendorganisation JN entstanden. Diese Vorfälle, aber auch weniger auffällige und teilweise schon sehr lange existierende extrem rechte Strukturen wie etwa der Tübinger Grabert-Verlag oder hier lebende Neonazigrößen wie der Sänger der Band „Noie Werte“und Anwalt Steffen Hammer sowie 2491 Stimmen für den NPD-Dauerkanidaten Axel Heinzmann bei der Bundestagswahl 2009 machen deutlich, dass die Region Reutlingen-Tübingen keineswegs frei von Neonazis und anderen Vertretern der extremen Rechten ist. Dies führt uns zu der Überzeugung, dass es notwendig ist ihnen hier vor Ort aktiv und vielfältig entgegen zu treten. Es darf keine Rückzugsräume geben, in denen Neonazis sich ungestört organisieren, Nachwuchs anwerben und ihre menschenverachtenden Weltanschaungen unter die Leute bringen können. Weder in Reutlingen-Tübingen noch anderswo.

Bei unserem Einsatz gegen Neonazis und extreme Rechte ist uns allerdings absolut klar, dass deren grundlegende Einstellungen wie Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft sind. Im Gegenteil sind sie Bestandteil des gesellschaftlichen Mainstreams, auch wenn dieser das meist nicht wahr haben will. So kam etwa die Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ 2009 in einer representativen Umfrage zu dem Ergebnis, dass 55,8% aller Deutschen der Meinung sind, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben. Menschen mit diesem Gedankengut, die in der sogenannten Mitte der Gesellschaft agieren und sich auch selbst dort verorten, können, vor allem wenn sie über Einfluss verfügen, politisch gefährlicher sein als bekennende Neonazis. Daher zählt Aufklärungsarbeit ebenso wie das Aufzeigen und Skandalisieren politischer wie ideologischer Verbindungen von Vertretern der „Mitte“ zur extremen Rechten zu unserem Arbeitsfeld. Dabei haben die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Widerstand gegen den Versuch diese zu verharmlosen eine besondere Bedeutung.

Auch staatliche Strukturen, wie Abschiebungen und Abschiebeknäste, die weitgehende Aushebelung des Asylrechts und der Kampf gegen MigrantInnen an Europas Außengrenzen, die fortschreitende Überwachung, die sich verschärfende Repression, die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft, die Tatsache, dass wieder Kriege von Deutschland aus geführt werden, müssen, nebst ihren Grundlagen, Nationalismus, Rassismus wie auch kapitalistischer Zwänge, kritisiert und bekämpft werden. „Standortnationalismus“ und die Etablierung von „Partyotimus“ werden wir nicht einfach hinnehmen. Ebenso wenig werden wir uns mit dem kapitalistischen Normalzustand abfinden.

Wir streben eine Gesellschaft der Freiheit und sozialen Gleichheit aller Menschen an. Die Überwindung sämtlicher Herrschaftsmechanismen ist dazu unumgänglich. Staatliche Herrschaft muss ebenso überwunden werden wie jegliche Zwangskollektive, etwa die Nation, und Diskriminierung jeder Art. Die kapitalistische Verwertungslogik gilt es aufzuheben, die Produktion soll den Bedürfnissen der Menschen und nicht mehr dem Profit dienen. Eine Welt, in der jedem Menschen ein freies und selbstbestimmtes Leben möglich ist, ist unser Fernziel. Dabei verstehen wir uns nicht als elitäre Avantgarde, sondern wollen mit allen zusammenarbeiten, die unsere Ziele teilen.

Den Schwerpunkt unserer Arbeit soll jedoch die Auseinandersetzung mit extremen Rechten, Neonazis und deren menschenverachtender Ideologie bilden, da deren Ziele den unseren absolut entgegen stehen.
Los geht’s!

Bei unserer antifaschistischen Arbeit ist uns der Schwur, den die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald nach ihrer Selbstbefreiung am 19. April 1945 geleistet haben, Verpflichtung und Richtschnur für unseres Handeln:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Mit antifaschistischen Grüßen

Die ART (Antifa Reutlingen-Tübingen)