Antisexistische Grundsätze haben sich in der Linken leider nicht überall durchgesetzt, auch wenn es hier mehr Sensibilität für diese Thematik gibt als anderswo. Häufig werden Sexismus und Patriarchat in der politischen Analyse als Nebenwiderspruch begriffen.
Doch auch in Gruppen, die das veraltete Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken hinter sich gelassen haben, sind Frauen bzw. Queers stark unterrepräsentiert. Das hat nicht zuletzt mit den männlich konnotierten Verhaltensweisen ihrer Mitkämpfer_innen zu tun. Anstatt inhaltlicher Auseinandersetzungen beliebt es vielen Antifas nämlich viel mehr Heldengeschichten zu erzählen; es wird geprahlt und geprollt und sich gegenseitig übertrumpft, wer am lautesten geschrieen und am krassesten was auch immer gemacht hat.
Der Leistungsdruck, der in der kapitalistischen Gesellschaft allgegenwärtig ist, wird so in vielen Antifa-Gruppen reproduziert. Es geht darum, unabhängig vom biologischen Geschlecht einem bestimmten Rollenbild zu entsprechen, das aber viele männlich konnotierte Eigenschaften enthält. Stelle ich mich ohne Angst den Cops entgegen, kann ich viel einstecken und bin schmerz-unempfindlich, bin ich sportlich, bin ich militant und entsprechend angezogen, bin ich schlagfertig und redegewandt.
All diese Eigenschaften sind durchaus sinnvoll bei praktischer Antifa-Arbeit, doch sind sie nicht ausreichend und decken nur einen kleinen, wenn auch den öffentlichkeitswirksamsten Teil eines breiten Spektrums an Aufgaben in einer Antifagruppe ab. Ein Abweichen von diesen Eigenschaften wirkt oft schwer, egal welchem Geschlecht sich eine Person zuordnet. Zeigt mensch in einer Situation körperliche Schwäche oder Angst, wird sie oder er schnell als unzulänglich betrachtet und bei Aktionen nicht mehr mit einbezogen. Vergessen wird dabei, dass das Eingestehen von Schwäche und Angst eine sehr wünschenswerte Eigenschaft ist und antifaschistisches Arbeiten sicherer und erfolgreicher machen kann.
Auch ein Abweichen von der linksradikalen Kleiderordnung, dem schwarzen Battle-Dress, wird vor allem auf Demos oft mit mitleidigen Blicken belohnt, dabei geht es vielen Antifas nicht mehr um die Zweckmäßigkeit dieser Kleidung, sondern um einen Lifestyle, dem in diesem Fall nicht entsprochen wird.
Bunt angezogene oder Aktivistinnen im Stil von „Pink and Silver“ werden verächtlich als „Hippies“ bezeichnet und kreative Aktionen werden als „Hippiekacke“ abgetan.
Doch was steckt dahinter, wenn bestimmte Formen des Protests erst gar nicht diskutiert, sondern nur belächelt werden?
Der Grund dafür liegt unserer Meinung nach darin, dass friedliche Aktionsformen als Ausdruck von Schwäche und „sich nicht trauen“ wahrgenommen werden. Also als weiblich belegte und damit scheinbar negative Verhaltensweisen. Dem wird das eigene viel ernstzunehmendere fighter image entgegengesetzt, man zeigt Mut und Kampfgeist, schon durch die schwarze Kleidung, und das sind männlich besetzte und damit prinzipiell gute und in jedem Fall wirkungsvolle Eigenschaften.
Das systematische Heruntermachen von Aktionsformen ohne direkt sichtbaren, militanten Habitus, ist daher oft nichts als ein sexistisches Feiern männlich konnotierter Verhaltensweisen; und Personen, die ein solches Verhalten nicht an den Tag legen können oder wollen, werden dadurch delegitimiert.
Dabei können gerade vielfältige Aktionsformen die Stärke der radikalen Linken sein: ein Hand-in-Hand von schwarzem Block, Clowns-Army, „radical cheerleading“ und vielen anderen macht unseren Protest vielfältig, unberechenbar und irritierend, und er kann auch nicht mehr so leicht kopiert werden, von autonomen Nationalisten, die sich vor allem für humorlosen Männlichkeits-Fetisch und dumpfe Hau-drauf-Mentalität begeistern lassen.
Prinzipiell geht es uns nicht darum Militante per se zu dissen, sondern wir wollen die selbstdarstellerische Art und Weise, wie mit Militanz häufig umgegangen wird kritisieren.

Bei schon länger existierenden Gruppen, die vielleicht keine Heldengeschichten mehr erzählen und kein offensichtliches „Mackertum“ mehr an den Tag legen, haben sich Leistungsdruck und Revierverteidigung nicht selten in den theoretischen Bereich verlagert. Bei Diskussionen wird mit Adorno- und Marx-Zitaten geprollt, anstatt mit der letzten Demo und auf das Thema Sexismus angesprochen, wird wissend genickt. Eine tiefer gehende Diskussion gibt es aber oftmals keine, denn man hat sich ja intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt und legt deshalb keine sexistischen Verhaltensweisen mehr an den Tag. Dass wir alle aber in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der Herrschaftsverhältnisse z.B. aufgrund des Geschlechts bestehen und dass wir diese auch reproduzieren, wird leider außer Acht gelassen. Eine ständige Reflexion der Verhaltensweisen in der eigenen Gruppe, aber auch in größeren politischen Zusammenhängen ist gerade aus diesem Grund unbedingt nötig und so anstrengend das auch sein kann, hat es aber zur Folge, dass mehr Menschen sich an Diskussionen beteiligen und die Gruppen heterogener und lebendiger werden.

Die gerade genannten Punkte sind nur einige wenige, die es zu kritisieren gibt und nur wenn wir das Thema Sexismus ständig wieder neu zur Sprache bringen und unser eigenes Verhalten reflektieren, können wir unsere Sozialisation und die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse wenigstens zum Teil überwinden und uns unabhängig von unserem biologischen Geschlecht und unserer Sexualität einbringen, mit Eigenschaften, die zur Situation passen: mal kämpferisch und draufgängerisch, mal schwach und ängstlich, mal rosa mal schwarz.
Gemeinsam gegen Diskriminierung und menschenverachtende Ideologien!