Gegen Nazis und ihren „Antikapitalismus“
Am 6. Oktober 2012 planen Neonazis in Göppingen bei Stuttgart aufzumarschieren. Mobilisiert wird vor allem im Spektrum der so genannten „Autonomen Nationalisten“ (AN). Die Organisation geht von einer Gruppe aus, die sich selbst als „Autonome Nationalisten Göppingen“ bezeichnet.
Das Phänomen der Neonazis im autonomen Look ist nicht neu. Etwa seit 2005 gibt es ANs. Diese sehen scheinbar den Autonomen zum Verwechseln ähnlich. Mit den neuen Kleidern in der Neonazi-Szene ging auch das Aufgreifen von neuen Themen einher, die nicht eindeutig der politischen Rechten zuzuordnen sind: Krieg und Frieden, Umweltschutz oder Antikapitalismus. Ein Blick unter die Oberfläche zeigt aber schnell entscheidende Unterschiede zwischen der linken-progressiven und der rechten-reaktionären Interpretation dieser Themen auf.
Das Thema der Nazi-Demo am 6. Oktober in Göppingen lautet „Ausbeutung stoppen – Kapitalismus zerschlagen!“. Die Neonazis verwenden damit eine klassische, antikapitalistische Kampfrhetorik. Man tut gut daran auch bzw. gerade Neonazis in ihren Aussagen erst einmal ernst zu nehmen. Ihr verbaler „Antikapitalismus“ ist nicht nur Tarnung und Analysen wie „Hinter dem Kapitalismus steht das Kapital“ sind auch nur wenig hilfreich – es handelt sich jedenfalls aktuell bei den Neonazis nicht um eine Strategie der Herrschenden um die Werktätigen zu spalten. Es ist davon auszugehen, dass sich tatsächlich ein größerer Teil der Neonazis als Antikapitalist_innen versteht. Deswegen sollte lieber gefragt werden wie weit ihr Art von „Antikapitalismus“ reicht und wo er genau hinführt.
Schnell wird bei genauerer Betrachtung klar, dass der „vulgäre Antikapitalismus“ von rechts sehr verkürzt ist. Er fokussiert auf einzelne Personen oder Länder als Schuldige. Mehr noch, der völkische Antikapitalismus der Nazis ist immer auch verschwörungsantisemitisch, antiamerikanisch und standortnationalistisch aufgeladen. Der Nationalismus schimmert deutlich durch, wenn eine „raumorientierte Volkswirtschaft und nationale Souveränität“ eingefordert wird.
Auf dem Online-Banner für die Nazi-Demo in Göppingen ist ein Straßenschild der „Wallstreet“ abgebildet. Die Vereinigten Staaten bzw. die „jüdisch dominierte Ostküste“ werden mit so einer Symbolik als die eigentlichen Verantwortlichen gekennzeichnet. Häufig werden im verkürzten Antikapitalismus zudem auch die kapitalistischen Verwerfungen auf Charaktereigenschaften wie „Gier“ oder „Zockermentalität“ zurückgeführt. In einem verteilten Demo-Aufruf für die Nazi-Demo in Göppingen ist beispielsweise von „Casino-Mentalität geldgieriger Kapitalisten“ die Rede. Dabei sind die Charaktereigenschaften der kapitalistischen Funktionär_innen zweitranging. Ob gutherzig oder gierig, alle unterliegen den Anforderungen und Regeln des Marktes. Dazu gesellt sich im rechten Antikapitalismus manchmal auch noch eine Portion antisemitisch verbrämte Zinskritik, in der Zinsen als das eigentliche Problem gekennzeichnet werden.
Als „Lösung“ wird von den Neonazis der „nationale Sozialismus“ propagiert, also der Nationalsozialismus. Bereits der historische Nationalsozialismus war eine Art antikapitalistische Revolte zur Rettung des Kapitals. Es wurde nur gegen das „ausländische“ bzw. „raffende“ „Groß-“ und „Finanzkapital“ angegangen. Das „einheimische“ und „schaffende“ Kapital blieb unangetastet. Damit war und ist also eine Wirtschaft gemeint, in der nicht „fremde“, sondern die „eigenen“ Leute die Ausbeutung der Bevölkerung organisieren. Das Ganze heißt dann „Volksgemeinschaft“ und soll durch den Appell an „Nation“ und „Rasse“ reale soziale Unterschiede überdecken. Damit ist der „Nationale Sozialismus“ im Endeffekt nichts weiter als ein deutscher Kapitalismus.
Daneben vertritt die rechte Sozialdemagogie auch eine explizit rassistische Krisen“lösung“, wenn sie „Arbeit nur für Deutsche“ oder eine Deportation von arbeitslosen „Ausländern“ fordert. Damit können die Rechten allerdings auf starke Umfrage-Werte zurückgreifen, wonach in Deutschland über 50% der Parole „Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“ zustimmen. Hier liegt die eigentliche Gefahr, da es offenbar einen starken Resonanzkörper für rassistische „Lösungsmodelle“ gibt, der in Krisen-Zeiten aktiviert werden kann. Tatsächlich fördern kapitalistische Krisen im Westen die Hinwendung zum modernisierten Faschismus in Gestalt eines Rechtspopulismus (z.B. Orban-Regierung in Ungarn, Wilders in den Niederlanden), und auch zum traditionellen Faschismus als vermeintliche „Krisenlösung“. Das Beispiel Griechenland zeigt, dass der in Krisen aktivierte, bereits vorher latent weit verbreitete, Rassismus eine unverhohlen neonazistische Partei von 0,23% auf 6,9% der Stimmen steigern kann.
Letztlich gilt es die unüberbrückbaren inhaltlichen Unterschiede von linken Antikapitalismus zum „Antikapitalismus“ von rechts aufzuzeigen und sich auf der Straße praktisch antifaschistisch zu betätigen.

Make capitalism, fascism, racism, antisemitism & sexism history!