Es gibt kein ruhiges Hinterland – Demobericht Sigmaringen 18. Juni 2011

Als uns bekannt wurde, dass die NPD, nicht weit von hier, im Landkreis Sigmaringen ihr Sommerfest abzuhalten plant und es im Landkreis offensichtlich weder zur Empörung noch zum Protest kommt, standen wir erstmal vor einem organisatorischen Problem. Wie beziehen wir Stellung gegen die Nazifeierei im Hinterland?!
So kurzfristig war es schwer, aus der Entfernung Reutlingen-Tübingen, Protest vor Ort zu organisieren, zudem kamen noch parallel stattfindende Veranstaltungen, wie das „Action, Mond und Sterne“ Camp in Baden-Württemberg und eine Antifa-Kundgebung am selben Tag in Leonberg hinzu.
Gründe dafür eine antifaschistische Demonstration zu organisieren gab es aber genug: zum einen der neonazistische Charakter der NPD; dann, dass diese Partei die stärkste organisierte extrem rechte Kraft in Baden-Württemberg darstellt und dass es aus ihren Reihen immer wieder zu gewalttätigen Angriffen kommt.
Das NPD Sommerfest, das letztendlich bei Pfullendorf im Landkreis Sigmaringen stattfand, sollte eine Abschlussparty des Wahlkampfs darstellen, für NPD-Wahlkampfhelfer und –Helferinnen eine Art Belohnung. Bockwurst und Bier auf den gescheiterten Wahlkampf. Grund zu feiern hatte die NPD eigentlich nicht, ihnen gelang es nämlich bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg nicht einmal über die 1%-Hürde zu gelangen. All zu schade, nicht mal auf die Wahlkampfkostenerstattung aus der Staatskasse können sie nun hoffen. Zwar ist auch Baden-Württemberg nicht grade ein „weißer Fleck“ auf der braunen Landkarte, es gelang der Partei dieses Jahr jedoch nicht den rassistischen Bodensatz in der Wählerschaft für sich zu mobilisieren und ihre menschenverachtenden Ideologien und ihre rassistische Hetze so ins Parlament zu tragen.
Feiern wollten die Nazis aber trotz allem und das wollten wir nicht unbemerkt geschehen lassen, denn dass Nazifeiern nicht unbedingt harmlos sind zeigt beispielsweise eine solche Party in Winterbach nahe Stuttgart, im April diesen Jahres. Der fließende Übergang der privaten Nazigrillparty hin zu einem rassistischen Pogrom kostete damals die neun Betroffenen, die auf einem Nachbargrundstück feierten und von den Nazis angegriffen wurden, fast das Leben. Sie entgingen dem Flammentod in ihrer Gartenhütte, die von den Nazis angezündet worden war, nur durch großes Glück.
Was uns in unserem Vorhaben das Sommerfest im Kreis Sigmaringen zu thematisieren bestärkte, waren außerdem die fehlenden antifaschistischen Strukturen vor Ort und auch einige rechte und rassistische Übergriffe in den letzten Jahren in dieser Region. Im Jahr 2007 zum Beispiel fanden im Vereinsheim des „Uncommon Ghost MC“ in Krauchenwies, einer kleinen Stadt im Landkreis, zwei Rechtsrockkonzerte statt, an denen jeweils bis zu 240 Nazis teilnahmen.
Spontan, dynamisch, hektisch probierten wir also so schnell wie möglich, so viel wie möglich auf die Beine zu stellen, was sich aus den oben genannten Gründen schwierig gestaltete.
Die extra angerückte Bereitschaftspolizei schien im Vergleich zur Teilnehmerzahl der Demo eher unverhältnismäßig. „Die etwa 60 Einsatzkräfte, die wegen eines nicht auszuschließenden Aufeinandertreffens der unterschiedlichen Lager im Hintergrund bereit standen, erlebten aber einen ruhigen Nachmittag und Abend.“ So kommentierte die lokale Tageszeitung das Auftreten der Staatsgewalt (QUELLE: http://www.suedkurier.de/region/linzgau-zollern-alb/kreis-sigmaringen/NPD-und-Linke-treffen-nicht-aufeinander;art372548,4951988).
Treffpunkt zur Demo war der Bahnhofsvorplatz in Sigmaringen. Der Beginn der Demonstration verzögerte sich etwas, da wir mit dem Loslaufen warteten, bis die angekündigte Unterstützung vom Action, Mond und Sterne Camp eingetroffen war. Während dieser Zeit kam es zu unnötigen Kontrollen am Bahnhof, auf Nachfrage erklärte die Polizei, dass das Auftreten mit Sonnenbrille allein schon eine bestimmte Art von Einstellung ausdrücke und so etwas von vorne rein unterbunden werden sollte. Welche Einstellung sie meinten und was diese mit getönten Brillen zu tun hat, konnten uns die Menschen in Uniform aber nicht erklären.
Auffällig viele Zivilpolizisten_innen begleiteten dann auch die Demo, hielten sich jedoch, ähnlich wie die BFE im Hintergrund. Die Route führte durch die verregnete Innenstadt, über die Schwabstrasse zum Rathausplatz und insgesamt wurde drei Zwischenkundgebungen gehalten, die sich zum einen mit NPD-Strukturen in der Region, aber auch mit staatlichem Rassismus beschäftigten.
Insgesamt zählten wir über 50 Antifaschist_innen, im Gegensatz zum Südkurier oder schwaebische.de.
In der Innenstadt versuchten wir auch mit Bürger_innen ins Gespräch zu kommen, Flyer zu verteilen und sie auf die Nazifeier in der Nähe aufmerksam zu machen.
Diese verlief offenbar auch wie geplant mit 70 teilnehmenden Nazis auf dem abgelegenen Grundstück eines Sägewerks im Andelsbachtal.
Alles in allem haben wir uns sehr über sie solidarische Anwesenheit der Camp Teilnehmer_innen, der AG Freiburg (http://www.flickr.com/photos/agfreiburg/), der Alb offensive und natürlich den wetterfesten Antifaschist_innen gefreut, die sich trotz Regen, anderen Veranstaltungen und sehr, sehr kurzfristiger Organisation unsererseits auf die Schwäbische Alb begeben haben, um auch hier ein Zeichen gegen Rassismus und menschenverachtende Ideologien zu setzen.

Wir hoffen, dass wir einen Anstoß vor Ort setzen konnten, sodass sich in Sigmaringen antifaschistische Strukturen wieder herausbilden können.
Wir werden auch in Zukunft nicht wegschauen, wenn Neonazis sich selbst feiern oder sich in der Öffentlichkeit inszenieren.
Antifaschismus bleibt eine Notwendigkeit.
Faschismus keine Basis bieten, weder im Parlament noch in den Köpfen oder auf Grillpartys.
Aufruhr, Widerstand – es gibt kein ruhiges Hinterland.

PRESSE
* Michael Hescheler: Demonstration verläuft friedlich, „Schwäbische Zeitung“, 19.06.2011, http://www.schwaebische.de/region/sigmaringen-tuttlingen/sigmaringen/stadtnachrichten-sigmaringen_artikel,-Demonstration-verlaeuft-friedlich-_arid,5091474.html
* NPD und Linke treffen nicht aufeinander, Südkurier, 20.06.2011, http://www.suedkurier.de/region/linzgau-zollern-alb/kreis-sigmaringen/NPD-und-Linke-treffen-nicht-aufeinander;art372548,4951988

sig1