Lieber Verein Terre des Femmes e. V.,

sie laden am 5. Oktober 2010 in das Tübinger Museum zu einer Lesung mit Necla Kelek aus ihrem neuen Buch „Himmelsreise“ ein.

Wir möchten sie darum bitten Frau Kelek wieder auszuladen. Warum? Necla Kelek tritt seit 2009 als Unterstützerin von Thilo Sarrazin auf und hat am 30. August 2010 auch dessen Machwerk „Deutschland schafft sich ab“ auf einer Pressekonferenz präsentiert.

Thilo Sarrazin ist ein menschenverachtender Hetzer, ein Wohlstandschauvinist und ein Rassist. Der von Sarrazin angeführte Diskurs beinhaltet im Kern vor allem einen Gedanken, nämlich dass es so etwas wie überflüssige Menschen gibt.
Sarrazin wollte bereits 2008 bzw. 2009, damals noch Finanzsenator in Berlin, aus Spar-Gründen „Hartz IV“-Empfänger_innen eine „Hartz IV“-Diät und eine Senkung der Wohnungstemperatur auf 16 Grad verordnen.
Später erweiterte Sarrazin seinen Wohstandschauvinismus um eine starke Portion Nationalismus und Rassismus. So bediente er beispielsweise rassistischen Angst-Albträume mit Sätzen wie:
„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“
(Sarrazin im Interview mit dem Magazin „Lettre International“ Nr. 86 vom 01.10.2009, Seite 197-201)
Die nationalistische Argumentation bei Sarrazin ist, dass es Bevölkerungsgruppen gäbe, die dem Staat nichts „bringen“ würden. Insofern bleibt er seiner Hetze gegen sozial Schwache treu, erweitert sie aber um eine rassistische Komponente. Beispielhaft ist hier folgende Aussage:
„Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht.“
(Sarrazin im Interview mit dem Magazin „Lettre International“ Nr. 86 vom 01.10.2009, Seite 197-201)
Bei so einer Argumentation bekommt man es mit der Angst zu tun. Was ist wenn Sarrazin belegt, dass behinderte Menschen nichts zur wirtschaftlichen Produktivität beitragen? Nach der Sarrazinschen Logik scheint es, als dürfe man dann bei dieser „unproduktiven“ Gruppe einsparen, ja sie im krassesten Fall verhungern lassen. Uns ist klar, dass Sarrazin das an keiner Stelle sagt. Aber wir wollen aufzeigen wohin ein Weg führt, der Bevölkerungsgruppen als „unnütz“ deklariert, die anderen damit angeblich nur auf der Tasche liegen. Es ist der Abschied von der Prämisse, dass jeder Mensch das Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat.
Michel Friedman bemerkte zu Sarrazins Kosten-Nutzen-Argumentation ganz richtig in der Talkshow „hart aber fair“ am 1. September 2010: „Das rechtfertigt allerdings nicht, dass man Menschen zu Zahlen reduziert.“

Bereits zu Sarrazins rassistischem Interview in dem Magazin „Lettre International“ äußerte sich Necla Klek zustimmend:
„Thilo Sarrazin redet Tacheles. Er analysiert in einem Interview mit der Kulturzeitschrift „Lettre-International“ die Lage Berlins, benennt Filz, Korruption und Schlamperei, lobt und tadelt Migranten, fragt nach Ursachen und bietet eine Gesamtschau der Berliner Misere, die ich so noch von niemandem gelesen habe. Ich würde mir diesen klaren Blick auch von manchen verantwortlichen Politikern wünschen.“
(Necla Kelek: Warum türkische Gemüsehändler mit Sarrazin kein Problem haben, in: Sächsische Zeitung vom 22. Oktober 2009)
Auch Sarrazins biologisierenden Diskurs um die Vererbung von Intelligenz teilt und unterstützt Necla Kelek:
„Die von Sarrazin aufgezeigte Wechselbeziehung von Intelligenz und Demographie wird als biologistisch diffamiert. Dabei scheint schon der gesunde Menschenverstand nahezulegen, dass Ethnien wie zum Beispiel die Völker Anatoliens oder Ägyptens, die über Jahrhunderte von den Osmanen daran gehindert wurden, Lesen und Schreiben zu lernen, bei denen noch heute Mädchen nicht zur Schule gehen dürfen, andere Talente vererbt bekommen, als die Söhne von Johann Sebastian Bach und dass es auch bei der Intelligenz so etwas wie die Gaußsche Normalverteilung gibt.“
(Necla Kelek: Kelek über Sarrazin „Ein Befreiungsschlag“, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 30. August 2010)
Necla Kelek stellt sich insgesamt voll ganz hinter Sarrazin und sein Werk:
„Mein Fazit: Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich über Deutschland den Kopf zerbrochen.“
(Necla Kelek: Kelek über Sarrazin „Ein Befreiungsschlag“, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 30. August 2010)
Sarrazins Tiraden in Wort- und Buchform sind kein irgendwie gearteter Anstoß einer sinnvollen Debatte, sondern nur das Startsignal zum Losbrechen eines xenophoben Diskurses gewesen. Ramona Ams schreibt hierzu richtig:
„Es kann nicht sein, dass Sarrazin seinen Rassismus verbreitet , der dann hernach als „hilfreicher Debattenbeitrag“ und lediglich „überspitzt“ oder „missverständlich formuliert“ von einem breiten Rezensorium beklatscht und gefeiert  – und somit verharmlost und letztlich gesellschaftsfähig wird.“
(Ramona Ambs: Neo-Sarrazismus: Rassismus ohne Rassisten, 29.08.2010)

Wir denken, dass es nicht möglich ist die Frauenrechtlerin Necla Kelek von der Sarrazin-Unterstützerin Necla Kelek zu trennen. Sie verbindet beide Diskurse, Sarrazins Wohlstandschauvinismus und Rassismus und ihre ursprüngliche Kritik an verschärften, zum Teil religiös motivierten, patriarchalischen Zuständen in bestimmten Communities. Über die Kritik des letzteren hinaus darf aber nie vergessen werden, dass auch im Mehrheits-Deutschland die Zustände keineswegs rosig sind. Ebenfalls ist der Ruf nach einem stärker und strenger intervenierenden Staat keine Lösung, besonders wenn der Staat das als Begründung zu einer verschärften Abschottung vor (muslimischen) Migrant_innen verwendet. Genau aber diese Praxis unterstützt Necla Kelek scheinbar.

Wir schätzen die Arbeit von Terre des Femmes im Allgemeinen und finden auch, dass Terre des Femmes eine Stimme darstellt, die mehr angehört werden sollte.
Eine Veranstaltung mit Necla Kelek bedeutet indirekt auch die Unterstützung der Behauptungen von Sarrazin, weil sie einer seiner prominentesten UnterstützerInnen ein Podium geben.
Daher appellieren wir dringend an sie Necla Kelek wieder auszuladen!

Mit freundlichen Grüßen ihre

Antifa Reutlingen-Tübingen

PS: Am 8. März 2010 riefen wir im Rahmen des weltweiten Frauen- und Iran-Solidaritätstag zu einer einstündigen Iran-Solidaritäts-Kundgebung in Reutlingen auf. In unserer Pressemitteilung hieß es unter anderem:
„Gerade am 8. März, dem Welt-Frauen-Tag ist es wichtig, die im Iran herrschende rigorose Geschlechter-Trennung anzuprangern. Die Frauenverachtung ist eine zentrale Säule des islamistischen Regimes der Islamischen Republik.“