Rede bei der Antifa-Gedenkkundgebung am 21.11. in Rt

Die Antifa Reutlingen-Tübingen (ART) beteiligte sich am 21. November 2010 an der antifaschistischen Gedenkkundgebung für die Opfer des Faschismus mit einem Redebeitrag. Im Folgenden eine Dokumentation der gehaltenen Rede:

*** Es gibt kein richtiges Gedenken im falschen ***
Heute am Totensonntag haben wir uns hier versammelt, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken.
Es ist uns wichtig aus rückblickender Perspektive Ursache und Wirkung, Täter und Opfer oder die unterschiedliche Qualität von Gewalt genau zu benennen und zu differenzieren.
Zu oft werden diese Tatsachen an den Gräbern verwischt. Die Bundesregierung oder der einflußreiche Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge werfen oft alles zusammen in einen Topf. Da ist dann allgemein von den „Opfern von Krieg und Gewalt“ die Rede. Wer so redet, für den gibt es keinen Unterschied zwischen einem im Kampf gestorbenen SS-Soldaten und dem ermordeten achtjährigen, jüdischen Jungen.
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl machte das noch einmal deutlich, als er am 5. Mai 1985 auf dem Soldatenfriedhof Bitburg vor den Gräbern von Wehrmachtssoldaten und SS-Soldaten den Opfern des Zweiten Weltkrieges gedachte.

Auch unter Linken ist oft die Rede davon, dass Nazi-Deutschland den Krieg ja angefangen hat und sich deshalb niemand beschweren dürfe, dass er auch zurückgekommen ist. Grundsätzlich ist das richtig, aber die Art des Angriffkrieges der Deutschen war nicht dieselbe wie die des Verteidigungskrieges der Alliierten.
Im Osten und im Südosten führte Deutschland einen Rasse- und Vernichtungskrieg. Deutschland führte nicht Krieg gegen einen militärischen Gegner, sondern eine Krieg gegen die Zivilbevölkerung mit dem Ziel der Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen, wie der Juden, der Sinti und Roma oder großer Teile der slawischen Bevölkerung.

*** NS-Opfer in der Region ***
Doch wir müssen gar nicht so weit in den Osten schauen. Die Opfer des Nationalsozialismus finden sich auch direkt vor der Haustür und die Täter ebenso.
Nicht weit entfernt von Reutlingen, in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb existierte ab 1940 eine gut funktionierende Mordfabrik. Vom 20. Januar 1940 bis zum Dezember 1940 wurden im Schloss Grafeneck bei Reutlingen über 10.000 behinderte Menschen, unter der Begründung es handle sich um „lebensunwertes“ Leben, ermordet.
Einige der Opfer kamen auch aus der Region. So wurden aus der Landesfürsorgeanstalt Rappertshofen bei Reutlingen 72 Menschen nach Grafeneck deportiert und dort umgebracht. Mindestens 24 Bewohner des Reutlinger Gustav-Werner-Heim wurden im Zuge von „Euthanasiemaßnahmen“ ermordet. Andere wurden zwar nicht ermordet, aber medizinisch verstümmelt, dass heißt zwangssterilisiert.

Seit 1933 gab es in Deutschland ein sich immer mehr ausbreitendes Lagersystem. Immer engmaschiger wurde dieses Netz und nach 1939 wurde es schnell auch auf die eroberten und unterworfenen Gebiete ausgedehnt. Experten gehen von etwa 20.000 Lagern aus. Lager für politische Gegner und Gegnerinnen, für verfolgte und unliebsame Minderheiten, Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Lager für Militärgefangene, in denen Sowjetsoldaten millionenfach verhungerten. Und Lager der direkten Vernichtung. Indirekt waren alle Lager Vernichtungslager, aber in einigen wurden die Neu-Ankömmlinge direkt durch Gas, Aufhängen und
Erschießen ermordet. In den anderen Lagern wurden sie langsam durch Hunger, Erschöpfung und Verzweiflung ermordet.
Auch in der hiesigen Region gab es einige Lager bzw. Verbindungen zu solchen. Im September 1983 wurde bekannt, daß die SS im Jahre 1944 128 KZ-Opfer aus den Lagern Hailfingen/Tailfingen,Bisingen, Dautmergen und Schömberg im Krematorium von Reutlingen verbrennen ließ.
Insgesamt sollen mindestens 4.000 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Reutlingen zur Arbeit gezwungen worden sein, viele davon im Arbeitslager Adrula.

*** Nach 1945 ***
Die Verbrechen geschahen also nicht nur im fernen Osten, sondern direkt vor der Haustür. Nach der Niederlage 1945 wollten das viele Deutsche nicht zugeben und erst Recht nicht ihren eigenen Anteil daran.
Der US-Army-Offizier Bourke White beschreibt seine Eindrücke vom Einmarsch in Deutschland im April 1945 so:
„Wir haben nichts gewusst! Wir haben nichts gewusst! Diese Worte hörte ich an einem sonnigen Nachmittag im April 1945 zum ersten mal. Sie sollten sich in den folgenden Wochen noch so oft wiederholen. Wir alle bekamen sie so häufig und monoton zu hören, dass sie uns wie eine deutsche National-Hymne vorkamen.“
Die Täter lösten sich plötzlich in Luft auf. Im Bericht des beratenden Ausschusses von Kriegsverbrechern an den amerikanischen Hochkommissar in Deutschland heißt es:
„… jetzt, fünf Jahre nach dem Ende von Hitlers und nach dem Ende des Krieges, rufen alle diese Angeklagten im Chor: »Befehl von oben!«. Sie behaupten, daß es in der ganzen Nation von 60 Millionen Menschen nur einen Mann gab, oder eine sehr kleine Gruppe von Männern, die für alles, das, was vor sich ging, verantwortlich gewesen wäre, daß sonst niemand für irgend etwas verantwortlich gewesen wäre, und daß, wenn nur ein Befehl vorlag, der wie ein Bächlein vom Gipfel herunterrieselte, ein jeder, der davon benetzt wurde, in den Genuß eines Immunitätsbades gekommen wäre.“

An dieser Einstellung hat sich vielerorts nicht viel geändert. Auch heute noch heißt es: „Der Hitler wars!“. Eigene Schuldanteile bzw. die von Familienangehörigen werden geleugnet, kleingeredet und umgelogen. „Opa war kein Nazi!“, wissen viele Enkel angeblich ganz genau.
Wenn es keine Nazis je gegeben hat, dann ist natürlich verwunderlich wer überhaupt in der Wehrmacht den Krieg geführt hat, wer auf den Wachtürmen der KZs saß oder wer die NSDAP an die Macht gewählt hat. Bereits am Ende der Weimarer Republik ging die Zahl der NSDAP-Anhänger und -Sympathisanten in die Millionen. Auch in dieser Region gab es viele davon. Am 29. Juli 1932 Reichstagswahl gab es eine große NSDAP-Kundgebung mit Hitler in Reutlingen. Es war der einzige Wahlkampf-Auftritt Hitlers in Württemberg vor der Wahl 1932. An dieser NSDAP-Kundgebung nahmen 15.000 Personen teil.

In dem Wissen, dass eine breite Bevölkerungsmehrheit aus allen Schichten den Nationalsozialismus unterstützte und akzeptierte, beziehen wir uns ausdrücklich auf eine Minderheit. Die Minderheit aktiver Widerstandskämpfer und Nazi-Verfolgten. Diese Frauen und Männer die nicht dem Opportunismus unterlagen, nicht dem Rassenwahn oder dem Herrenmenschentum folgten, sondern ihn bekämpften und unter ihm litten, sind unsere Vorbilder. Wir gedenken den Ermordeten dieser Minderheit innerhalb Deutschlands und den vielen anderen jenseits der Grenze, die das Opfer der deutschen Expansions-Politik und des mitgetragenen rassistischen und antisemitischen Vernichtungswillens wurden. Wir erinnern an den Schwur von Buchenwald:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

21.11