Vor einem Monat, am 20. Fe­bru­ar 2014, wähl­te der Tü­bin­ger Exil-​Ira­ner Kahve Pou­ryaz­da­ni (49) für sich den Frei­tod. Er über­goss sich hin­ter der Stifts­kir­che mit Ben­zin, zün­de­te sich an und ver­starb an den Ver­let­zun­gen.
Wir, die An­ti­fa Reut­lin­gen-​Tü­bin­gen, sind über­zeugt: Wer sich aus wel­chen Grün­den auch immer auf diese Weise um­bringt, will etwas damit sagen. Wenn der Po­li­zei­spre­cher ver­kün­det, auf einen po­li­ti­schen Hin­ter­grund deute der­zeit nichts hin, dann glau­ben wir ihm nicht.
Auch nur zu sagen, Kaveh habe De­pres­sio­nen ge­habt, dringt nicht zum Kern des Pro­blems vor. De­pres­sio­nen haben zu­meist Ur­sa­chen und Aus­lö­ser.

Wir sind davon über­zeugt, dass Ka­vehs Selbst­mord auch mit sei­nem Sta­tus als Flücht­ling zu tun hatte. Am Tag sei­nes Todes schrieb er im In­ter­net auf Face­book, der Tod sei für ihn bes­ser, als so zu leben.
Auch in der Pres­se wie­der­ge­ge­be­ne Kom­men­ta­re sei­ner Freund*innen und sei­nes An­walts be­stä­ti­gen uns in die­ser An­nah­me. Ka­vehs An­walt Man­fred Weid­mann be­rich­te­te, dass sein Man­dant am Ende sei­ner Kräf­te ge­we­sen sei: „Ob­wohl er per­fekt Deutsch sprach, blie­ben ihm alle Türen ver­schlos­sen.“ Und er führ­te wei­ter aus: „Wir haben in Deutsch­land ein Sys­tem, an dem ein Flücht­ling zer­bre­chen kann.“
Als Kaveh vor ein paar Mo­na­ten nach zehn Jah­ren des War­tens eine Ar­beits­er­laub­nis und Schutz vor Ab­schie­bung er­hielt, war das of­fen­bar zu spät für ihn. Bis dahin hatte Kaveh noch alle drei Mo­na­te zum Amt gehen müs­sen, um seine Auf­ent­halts­er­laub­nis ver­län­gern zu las­sen. Jedes Mal droh­te bei einer Nicht­ver­län­ge­rung die Ab­schie­bung. Lange Zeit durf­te er wegen sei­nes Sta­tus den Land­kreis Tü­bin­gen nicht ver­las­sen und er durf­te nicht ar­bei­ten. Bei­na­he ein Jahr­zehnt lang muss­te er so in Un­tä­tig­keit und Un­si­cher­heit ver­har­ren. Diese Ver­hält­nis­se waren es, die ihn in den Tod trie­ben.

Der von Kahve ge­wähl­te To­desort liegt hin­ter der Stifts­kir­che. Vor der Kir­che hatte er jah­re­lang immer wie­der sei­nen Info­stand auf­ge­baut, um die Ver­hält­nis­se im Iran an­zu­pran­gern. Denn Kaveh war ein Men­schen­rechts­ak­ti­vist, der vor zehn Jah­ren aus dem is­la­mi­schen Got­tes­staat Iran hier­her ge­flo­hen war. Zu­rück­las­sen muss­te er seine Fa­mi­lie, dar­un­ter eine Toch­ter.
Er sym­pa­thi­sier­te mit der grü­nen Re­vo­lu­ti­ons­be­we­gung, die sich gegen den Got­tes­staat rich­te­te. Die Theo­kra­tie im Iran schlug diese op­po­si­tio­nel­le Be­we­gung auch mit Hilfe von Tech­nik aus der sä­ku­la­ren Bun­des­re­pu­blik nie­der. Deut­sche ‚Wert­ar­beit‘ half bei der Ver­fol­gung ira­ni­scher Op­po­si­tio­nel­ler.
Das sich in sei­ner alten Hei­mat nichts än­der­te, die Fol­ter und die Morde ließ ihn ge­nau­so ver­zwei­feln, wie seine Si­tua­ti­on in sei­ner neue Hei­mat.

Wir könn­ten an die­ser Stel­le sagen, wir ver­ste­hen Kahve. Doch das wäre eine Lüge. Wir sind keine Ge­flüch­te­ten. Nur die Ge­flüch­te­ten hier wis­sen genau, was es be­deu­tet als Ge­flüch­te­te*r in Deutsch­land zu leben.
Es ver­läuft ein Gra­ben zwi­schen den Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik. Auf der einen Seite sind die Men­schen mit einem deut­schen Pass und auf der an­de­ren Seite die Men­schen ohne. Ber­tolt Brecht schrieb in sei­nem Text „Flücht­lings­ge­sprä­che“ im Jahr 1940, als er sel­ber ein Ge­flüch­te­ter war: „Der Paß ist der edels­te Teil von einem Men­schen. Er kommt auch nicht auf so ein­fa­che Weise zu­stand wie ein Mensch. Ein Mensch kann über­all zu­stand­kom­men, auf die leicht­sin­nigs­te Art und ohne ge­schei­ten Grund, aber ein Paß nie­mals. Dafür wird er auch an­er­kannt, wenn er gut ist, wäh­rend ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht an­er­kannt wird.“
Es gibt die­sen Gra­ben nicht, weil Ge­flüch­te­te an­ders sind, son­dern weil sie an­ders be­han­delt wer­den. An­ders be­han­delt von Tei­len der Be­völ­ke­rung und von dem un­barm­her­zi­gen Sys­tem, was wir unter dem Namen ‚Staat‘ ken­nen. Wer letz­tes Jahr die sich zu­spit­zen­den, ras­sis­ti­schen Be­we­gun­gen gegen die Un­ter­brin­gung von Ge­flüch­te­ten in allen Ecken Deutsch­lands mit­ver­folgt hat, die/der weiß wie diese vie­ler­orts an­ge­fein­det wer­den. Diese Feind­schaft ge­gen­über Ge­flüch­te­ten hat sich schon vor Jah­ren in Deutsch­land auch in eine Son­der­ge­setz­ge­bung gegen jene über­setzt. Ge­flüch­te­te wer­den vom Staat be­nach­tei­ligt, ihnen wer­den nicht die Rech­te einer Bür­ge­rin / eines Bür­ger zu­ge­stan­den. Durch die mas­si­ve Be­nach­tei­li­gung und Dis­kri­mi­nie­rung von Ge­flüch­te­ten wird ihnen ihre Würde ge­raubt.
Mit gutem Wil­len al­lein wird sich der Gra­ben zwi­schen Ge­flüch­te­ten und Nicht-​Ge­flüch­te­ten nicht zu­schüt­ten las­sen. Auch mit Mit­leid lässt sich die­ser tiefe Gra­ben nicht über­brü­cken. Nur wenn das Grenz-​Re­gime ab­ge­schafft wird und die Fes­tung Eu­ro­pa ge­schleift, wird der Gra­ben ver­schwin­den. Das kann aber nur durch eine Un­ter­stüt­zung und So­li­da­ri­sie­rung mit den Ge­flüch­te­ten und ihren Kämp­fen ge­sche­hen.
Dabei soll­ten wir aber nicht ver­ges­sen auch ein­mal bei uns selbst zu schau­en. Wir soll­ten uns als Nicht-​Ge­flüch­te­te ein­ge­ste­hen, dass wir häu­fig un­se­re Pri­vi­le­gi­en ohne gro­ßes Nach­den­ken für selbst­ver­ständ­lich nah­men und kaum dar­über nach­dach­ten, was ihr Nicht­be­sitz für eine*n Ge­flüch­te­te*n be­deu­tet.

Wir wol­len an die­ser Stel­le auch noch ein­mal daran er­in­nern, dass schon ein­mal ein ira­ni­scher Ge­flüch­te­ter in Tü­bin­gen ge­stor­ben ist: Ki­o­mars Ja­va­di (20). Er wurde am 19. Au­gust 1987 von 18 Men­schen er­mor­det, davon sahen 15 un­tä­tig zu, wie Ki­o­mars von drei Su­per­markt­an­ge­stell­ten fest­ge­hal­ten und zu Tode ge­würgt wurde.
Die Fälle mögen un­ter­schied­lich sein, doch bei bei­den spiel­te die Un­gleich­be­hand­lung und -​be­wer­tung von Ge­flüch­te­ten eine ent­schei­den­de Rolle.

Wir wün­schen uns, dass aus Ka­vehs Tod etwas folgt, wis­sen aber zu­gleich das die­ser Wunsch ver­mut­lich un­er­füllt blei­ben wird. So blei­ben wir trau­rig, wü­tend, ohn­mäch­tig und rat­los dar­über, was zu tun ist.

*[ART]* – An­ti­fa Reut­lin­gen-​Tü­bin­gen